Offener Brief an die Redaktion des Luxemburger Worts

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Liebe Redaktion,

Der luxemburgische Presserat hat im Jahr 2006 einen aktualisierten Ethikkodex gestimmt.  Dieser besagt unter anderem, dass sich die Presse gegen jede Form von Diskrimination verpflichtet (Art. 5 a) und dass die Presse die menschliche Würde, sowie eines jeden Individuums, respektiert und verteidigt (Art. 5 c). Desweitern besagt er noch, dass der Beruf des Journalisten sich auf das Informieren und die Entstehung der öffentlichen Meinung beschränkt (Art. 6 a).

Mir ist aufgefallen, dass einige Ihrer Inhalte nicht konform mit dem Ethikkodex sind, den Sie selbst mit ausarbeiten und stimmen durften. Obwohl es mittlerweile viele glaubwürdige Studien gibt die belegen, dass die Adoption durch gleichgeschlechtliche Paare keinerlei Auswirkungen auf die Kinder hat, hat einer Ihrer Journalisten einen recht fragwürdigen Kommentar über dieses Thema geschrieben. Er behauptet unter anderem, dass die Zugänglichkeit der Volladoption gleichgeschlechtliche Eltern dazu zwingt ihren Kindern eine fiktive Lebensgeschichte aufzutischen. Nachher behauptet er zwar, dass dies bei heterosexuellen Paaren auch der Fall wäre, glaubt jedoch der Besitz von verschiedengeschlechtlichen Eltern kompensiere dies wieder. Wieso soll ein heterosexuelles Paar Eigenschaften besitzen, die ein homosexuelles Paar nicht besitzen kann? Diese Haltung lässt sich auch im Rest des Kommentars finden. Ich finde es unverschämt, dass eine Zeitung die sich an den Ethikkodex des Presserates halten muss und sich somit gegen Diskrimination verpflichtet so etwas veröffentlicht! Mir ist bewusst, dass die sexuelle Ausrichtung von Menschen nicht klar im Ethikkodex erwähnt wird, aber jemand der etwas auf sich hält diskriminiert keine Menschen, egal aus welchem Grund. Trotzdem würde ich dem Presserat vorschlagen, den eben genannten Punkt noch in den Kodex einzufügen.

Es kommt aber noch besser: Am 27. Juli hat die Facebook-Seite „wort.lu“ ein Titelbild hochgeladen, das die 60 Listenkandidaten der CSV zeigt. Der Beruf des Journalisten ist es, zu informieren. Dieses Titelbild jedoch ist reine Werbung für die CSV. Dies wäre ja alles in Ordnung gewesen, wenn Sie Bilder anderer Parteien hochgeladen hätten, aber dies blieb aus. Dieses Vergehen könnte die Leser manipulieren und ist definitiv nicht der Zweck einer modernen Presse, sondern grenzt eher an Propaganda! Dies ist besonders schlimm, weil ungefähr 80% aller Abonnenten von Tageszeitungen in Luxemburg das Wort abonniert haben.

Desweitern kritisiere ich Sie für Ihren Umgang mit den Leserbriefen. Es ist klar, dass alleine die Redaktion einer Zeitung sich für oder gegen die Veröffentlichung eines Briefes entscheidet. Sie veröffentlichen Leserbriefe, deren Inhalt quasi an Homophobie grenzt, aber Leserbriefe die die Öffnung der Ehe und der Adoption begrüßen werden nicht veröffentlicht. Es gibt noch weitere Beispiele: Briefe die Jean-Claude Juncker verherrlichen (ohne irgendwelche tragbaren Argumente zu nennen) werden veröffentlicht, andere jedoch die Juncker kritisieren werden ignoriert. Eine Zeitung die für „Wahrheit und Recht“ steht soll auch die ganze Wahrheit veröffentlichen, sprich alle Leserbriefe veröffentlichen die zu einem Thema gehören (vorausgesetzt der Brief erfüllt objektive Kriterien). Falls Sie über ein Thema nichts berichtrn wollen, sollten Sie einfachen keinen Brief dazu veröffentlichen. Alles andere grenzt an Manipulation und kann definitiv nicht mit „Wahrheit und Recht“ betitelt werden!

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

Mit freundlichen Grüßen,

Kim Greis

http://www.wort.lu/de/view/der-mensch-ist-keine-ware-51c7b9b7e4b0c3ca56c5aee6

Erschien am 13.09.2013 im „Lëtzebuerger Journal”

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